Keine Entschuldigung für Abtrünnigkeit

 

„Volksgemeinschaft bezeichnete in der politischen Ideenwelt des 19. und 20. Jahrhunderts das völkische Ideal einer weitgehend konfliktfreien, harmonischen Gesellschaft, die Klassenschranken und Klassenkampf hinter sich gelassen hatte. (….) Die nationalsozialistische Lehre definierte die Volksgemeinschaft als „die auf blutmäßiger Verbundenheit, auf gemeinsamem Schicksal und auf gemeinsamem politischen Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes, der Klassen- und Standesgegegensätze wesensfremd sind. Die Volksgemeinschaft ist Ausgang und Ziel der Weltanschauung und Staatsordnung des Nationalsozialismus. Dabei war die Zugehörigkeit zur arischen Rasse zwar eine notwendige Bedingung für die Zugehörigkeit zur (deutschen) Volksgemeinschaft, aber sie war nicht hinreichend. Die Volksgemeinschaft war eine Gesinnungsgemeinschaft, die das Bekenntnis zur Weltanschauung des Nationalsozialismus forderte.“

  • Quelle Wikipedia 

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Als mich zuletzt ein Shitstorm auf Facebook und vor allem YouTube erreichte, versuchte ich die Gründe zu reflektieren und meine Gedanken stießen auf den Roman „Die Welle“ von Morton Rhue.  Dieses Buch handelt von dem Lehrer Ben Ross, der beschließt, ein Experiment durchzuführen, um seinen Schülern zu verdeutlichen, wie Menschen mit einfachen Methoden manipuliert werden können. Mit diesem bezweckt er, seinen Schülern, die zuvor Unverständnis darüber geäußert hatten, wie sich ein Regime wie das Dritte Reich überhaupt hat etablieren können und die der Überzeugung sind, dass sich eine derartige Manipulation der Massen nicht wiederholen könne, zu zeigen, dass auch sie manipulierbar und für totalitäre Ideen zu begeistern sein würden. Mit der „Welle“ wurde eine fiktive autoritäre und faschistoide Bewegung, angelehnt an die nationalsozialistische Volksgemeinschaft, erschaffen, welche am Ende zunehmend außer Kontrolle gerät. Das Prinzip „Macht durch Gemeinschaft“, bei dem die Klasse auf ein unbedingtes, überindividuelles Gemeinschaftsgefühl eingeschworen wird, entfaltet eine besondere Wirkmacht auf die Schüler, die fortan bereit sind, diese Gemeinschaft mit allen Mitteln zu verteidigen. 

Was wirft man mir vor? Ich war Beiwerk in einem Musikvideo eines befreundeten deutschen Rappers mit iranischen Wurzeln. Nicht als arschwackelnde Backgroundtänzerin, wie man es mitunter aus anderen Rapvideos kennt, sondern als eines von vielen Mitgliedern unseres Freundeskreises. Song und Video bezogen sich auf die Vergangenheit des Rappers, was man alles zusammen mit Freunden erlebt hat und wie schön, aber auch krass diese Zeit mitunter war. Es geht um Stress mit Polizei und Justiz und um Erfahrungen mit Frauen. Man kennt Vergleichbares von anderen Rapsongs, die sich jedoch zumeist noch einer viel härteren Sprache bedienen. 

Mein Hinweis auf dieses Video zog eine Welle der Entrüstung nach sich. Nicht primär auf meiner eigenen Facebookseite und auch nicht sofort, sondern erst, als sich zwei auch in der rechten Szene bekannte YouTuber des Themas annahmen, um auf vermeintliche Widersprüche zwischen dem Inhalt des Songs und meiner sonstigen Arbeit als Journalistin und Publizistin hinzuweisen. Der Vorwurf: Ich würde mit unintegrierten „Migranten“ verkehren und in einem Video zu einem Song mit angeblich frauenverachtenden Inhalten mitspielen, obwohl ich vor einiger Zeit den Einfluss des islamischen Weltbildes einiger Rapper auf ihre mehrheitlich jungen Zuhörer noch kritisiert hatte. Schon damals habe ich darauf verwiesen, dass Rap auch Überzeichnung ist, aber in jeder Überzeichnung ein Quäntchen Wahrheit stecken würde.

Es trifft zu, dass ich in der Vergangenheit Kritik an einigen Entwicklungen im deutschen Rap geübt habe. 2017, also lange bevor sich besagte YouTuber für Frauenrechte und etwaige islamische Einflüsse im Rap interessierten, schrieb ich hierzu einen Artikel auf Tichys Einblick, der sich primär mit dem antisemitischen, von Verschwörungstheorien geprägtem Weltbild von Rapstars wie Kollegah und Haftbefehl befasste und verwies hierbei am Rande auch auf die Frauenverachtung einiger Rapper. Aus diesem Text stammt der Auszug, in dem ich auf die Überzeichnung in Raptexten verweise. 

Falsch ist, daraus zu lesen, dass ich Rap bis vor einiger Zeit nicht mochte und nun Werbung für etwas machen würde, was ich eigentlich verachte. Falsch ist, auf Grundlage eigener Imagination und Erwartungshaltung bezüglich meiner Person, alle anderen Fakten, die gegen eine „Heuchelei“ meinerseits sprechen, auszublenden und mir zu unterstellen, ich sei ein Wendehals oder würde Menschen sogar gezielt täuschen oder Dinge verheimlichen. 

Denn ebenfalls bereits 2017 schrieb ich auf Tichys Einblick in dem Artikel „Generation Multi-Kulti“:

„Ich bin Generation Multi-Kulti. Zu einer Zeit, als die Unterschiede und Probleme noch nicht so ins Gewicht fielen, weil sich die Anzahl derer mit und ohne Migrationshintergrund die Waage hielt. Eine Zeit, in der kein einziges türkisches Mädchen aus den umliegenden Schulen ein Kopftuch trug. Als sich Schulklassen noch aus zwanzig deutschen und zwei muslimischen Kindern zusammensetzten. Als wir uns mit „Hadi Tschüss“ voneinander verabschiedeten und zusammen in verqualmten Kinderzimmern 2Pac und Biggie hörten. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück und weiß sehr wohl um das, was man gemeinhin Bereicherung nennt. Ich bin die weltoffene, die Nach-der-Wende-Generation. Generation Aggro Berlin, Sido und Bushido.“ 

In einem erst im Sommer 2019 veröffentlichten Text auf der Achse des Guten schrieb ich: 

„Bei mir ist das anders. Als junge Frau, Jahrgang 1988, bin ich bereits früh mit „Ausländern“ aufgewachsen. Ein Teil von mir ist bis heute „Kanake“. Ich gehe in Shishabars und in Clubs, in denen ich manchmal als Deutsche in der Minderheit bin. Und natürlich hatte ich auch muslimische Männer als Partner. Für mich ist Multikulti keine Theorie, die ich auf einer rein „biodeutschen“ Demo für mehr Vielfalt auslebe. Es ist gelebte Praxis. Ohne Vorurteile, mit Blick für das Gute, aber eben auch ohne Illusionen.“ 

Darüber hinaus konnte man vor Corona auf meinem öffentlichen Instagram-Account, auf dem ich mehr Privates poste, als auf meinem politischen Account bei Facebook, nahezu jedes Wochenende einen Einblick in meinen multikulturellen Freundeskreis, regelmäßige Besuche in Shishabars und Co. gewinnen. Niemals in der ganzen Zeit, seitdem ich über die negativen Konsequenzen einer mehrheitlich muslimischen Zuwanderung, Integration und die Auswüchse des religiösen Extremismus schreibe, habe ich einen Hehl daraus gemacht, dass ich selbst einer Generation entstamme, die multikulturell sozialisiert ist. Erst recht nicht habe ich meine Freunde mit Migrationshintergrund verleugnet. Man konnte mitbekommen, dass ich amerikanischen und auch deutschen Rap höre und mich im Umfeld von Shishabars bewege. Bis jetzt hatte ich aber auch nie das Gefühl, dass dies ein Nachteil gegenüber anderen Bloggern, Youtubern und Publizisten ist, die beispielsweise von Mallorca aus über die „Islamisierung Deutschlands“ schwadronieren, sondern eher von Vorteil, wenn es um die Einschätzung positiver und negativer Konsequenzen im Kontext von Migration und Integration geht. Darüber hinaus sorgt meine Herangehensweise für ein tieferes Verständnis unterschiedlicher Kulturen und Denkweisen, welche die eigene Argumentation mit mehr Authentizität unterlegt als jene derer, die im Prinzip als Betrachter von Außen fungieren und deren Urteile dementsprechend pauschal und nicht selten falsch ausfallen.

Aus dieser pauschalisierenden Außenbetrachtung und einem generellen Unverständnis gegenüber deutscher Rapmusik, die ihre spezifischen Merkmale und Wurzeln in erster Linie aus dem US-amerikanischen „Ghetto-Rap“ adaptiert hat und nicht aus der islamischen Kultur, wie fälschlicherweise unterstellt, resultiert ein Informationsgefälle, das sich nur schwer auflösen lässt. Zumal es die Beteiligten des Shitsorms mit ihren (zu) pauschalen, mitunter schwammigen Vorwürfen stets einfacher haben, als derjenige, der in der komplizierten Situation steckt, diese als Kritik getarnten, latent rassistischen Angriffe als das zu entlarven, was sie sind. Während jene mit verzerrender Simplizität beim Publikum punkten können, kommt man als Zielscheibe solcher Kampagnen nicht umhin, eine differenzierte Analyse und Rechtfertigung vorzulegen, die bei Teilen des durch Sprache getriggerten Publikums Assoziationen zum linken Spektrum weckt. 

Es ist mehr als ungut, dass pauschal in die rechte Ecke (zwangs-)verortet wird, wer heute die Asylpolitik oder den radikalen Islam kritisiert. Über wenig habe ich mich in den letzten Jahren so sehr geärgert als über eine – aus meiner Sicht bösartige – publizistische Einordnung in die neurechte Szene. Ebenso ist kein gutes Zeichen für den Zustand der Gesellschaft, dass, wer „Differenzierung“ fordert und Freunde mit Migrationshintergrund hat, pauschal links zugeordnet wird. Offenbar kann ich in einem Leser-Spektrum mit geschlossenem Weltbild und klaren Feindbildern dabei nur verlieren. Also appelliere ich an diejenigen, die sich selbst immer eher in der Mitte, als klassisch Liberale oder Konservative gesehen haben. 

Was wir in der Debatte um dieses Musikvideo und meine Teilnahme daran erleben, ist etwas, was ich bereits 2017 (!) als „Political Correctness unter umgekehrten Vorzeichen“ u.a. in einem Post auf Facebook beschrieben habe. Was zuvorderst im Zuge der Flüchtlingskrise seit 2015 vom linken Spektrum in den Medien begonnen wurde, wird nunmehr vom rechten Spektrum mit Hingabe fortgeführt. Was man Medienschaffenden, Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Lebens damals meines Erachtens zurecht vorwarf, hat man nun selbst in den eigenen Reihen etabliert. Diese Praxis erstreckt sich mittlerweile nicht nur auf das Thema „Flüchtlinge und Migration“, sondern auch auf andere Themenkomplexe. Das hat zur Folge, dass sich das politisch korrekte Korsett auf beiden Seiten immer stärker zusammenzieht und Liberalen in der Mitte die Luft zum Atmen genommen wird. Wer die Asylpolitik kritisiert, ist ein Nazi. Wer die Ideologien in der Klimadebatte moniert, ist ein Nazi. Selbst wer an der Angemessenheit der Corona-Maßnahmen nur den geringsten Zweifel hegt, findet sich medial zugeordnet plötzlich in „bester“ Gesellschaft zu esoterischen Schwurblern, abgedrehten Verschwörungstheoretikern und natürlich: Nazis.

Im Windschatten dieser pauschalen Verunglimpfung ganzer Bevölkerungsteile, die sich eigentlich selbst immer in der Mitte der Gesellschaft verorteten, wuchs die Zustimmung für eine Partei namens „Alternative für Deutschland“. In diesem Windschatten wuchs eine Gegenöffentlichkeit in den sozialen Medien heran, deren Dynamik sich mittlerweile primär aus Trotz, dem Gefühl von Ausschluss und Zurückweisung aus der „Gemeinschaft der Guten“, daraus resultierender politischer Heimatlosigkeit und einer generellen Unzufriedenheit mit politischen und gesellschaftlichen Zuständen speist. Diese Gegenöffentlichkeit agiert mittlerweile in Teilen nicht minder intolerant und totalitär als das linke Spektrum. Selbst offensichtliche Falschaussagen werden bedingungslos und ohne eigene Prüfung für bare Münze genommen und weiterverbreitet. Übernommen wird, was dem eigenen Weltbild Rechnung trägt. Alles, was dagegen spricht, wird kategorisch ausgeblendet. 

Vor diesem Hintergrund und aus diversen anderen Gründen, wie zum Beispiel der Absurdität mancher Vorwürfe, ist es mir eigentlich zuwider, auf manche Kritikpunkte überhaupt einzugehen. Wer sich einen türkisch-nationalistischen Wolfsgruß im Video herbei halluziniert, der blamiert sich nicht nur bis auf die Knochen und offenbart auch, wie wenig Ahnung er von der Materie hat, auf deren Gebiet er behauptet, Experte zu sein. Derartige Unterstellungen bedürfen keiner weiteren Beachtung. Die Kernfrage ist für mich, warum offensichtliche Fake-News und dünne, mitunter widersprüchliche Argumentationsketten eine solche Glaubwürdigkeit bei den eigenen Anhängern entfalten. Die Antwort liegt im erzeugten Gemeinschaftsgefühl. 

Es war Ernst-Wolfgang Böckenförde, der einst schrieb: 

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Böckenförde beschreibt damit das Problem säkularer Staaten, soziales Kapital, also normativen Zusammenhalt zu schaffen.

Für Liberale wie mich, die an das selbstverantwortliche Individuum glauben und jede Form von Kollektivismus ablehnen, ergibt sich in solchen Zeiten der zunehmenden politischen Orientierungs- und Heimatlosigkeit und speziell bei solchen Debatten ein Dilemma. Wer sich als Liberaler keiner „Seite“ zuordnet, steht am Ende ohne den Rückhalt einer „Gemeinschaft“ da. Nicht wenige öffentlich agierende Protagonisten halten diese Isolierung und die sich daraus ergebenden Anfeindungen von allen Seiten auf Dauer nicht aus und folgen dem Pfad des geringsten Widerstandes, indem sie sich klar zu einem geschlossenen Weltbild bekennen und auch nur noch diese Linie bedienen. Wenn man öffentlich in den sozialen Medien und auf anderen Plattformen publiziert, erkennt man schnell, für was man uneingeschränkt Applaus von bestimmten Seiten erhält und was womöglich Kontroversen oder auch Anfeindungen eines Teils der „eigenen“ Leser auslöst. 

Ich, die angebliche Narzisstin, habe diese Kontroversen und Anfeindungen von eigenen Lesern, im Gegensatz zu denen, die sich aktuell so selbstlos als Frauenrechtler und sachliche Kritiker meiner vermeintlichen Doppelmoral inszenieren, nie gescheut. Mir ist es egal, ob ich nach einer Diskussion auf meiner Seite 200 Follower weniger habe, wenn ich von dem, was ich dort geschrieben habe, überzeugt war und es für richtig hielt. Ob man es mir glaubt oder nicht: Mir geht es nicht um Applaus, sondern darum, über Themen zu schreiben, die mir wichtig erscheinen. Dass es da hin und wieder zu Abweichungen von der Meinung einiger Leser kommt, dürfte sich bei einer Anzahl von 76.000  Followern allein auf meiner Facebookseite von selbst verstehen. Wer erwartet, dass ich immer die eigene Meinung widerspiegele, ist bei mir falsch und sicher besser bei einem der Wohlfühl-Blogger aufgehoben, die den Eindruck erwecken, dass sie für ein wenig Aufmerksamkeit und Reichweite auch noch ihre eigene Oma verkaufen würden. 

Man muss mir nicht folgen. Man muss mich nicht lesen und auch nicht in allem verstehen. Auch ich entwickle mich weiter und so mag ich für Viele nicht immer stringent erscheinen. Damit kann ich gut leben. Ich habe von niemandem verlangt, Rap zu mögen oder mich für das Mitwirken an diesem Video zu loben. Aber ich frage, wo wir angelangt sind, wenn ein überspitzter Raptext und ein wenige Sekunden andauernder Gastauftritt in diesem Video einen derartigen Shitstorm auslöst?

Wer aber gibt die Linie vor, die ich angeblich verraten habe? Und seit wann darf man nur noch Menschen um sich herum haben, die eins zu eins sind wie man selbst? Wer hat jemals behauptet, dass mein rappender Freund und ich immer in allem einer Meinung sind? Dass ich lebe und teile, was er in diesem Song rappt? Wer hat gesagt, dass ich mit allen Entwicklungen im deutschen Rap konform gehe? Aber er ist mein Freund und das aus gutem Grund. Weil wir gewisse Werte wie Loyalität teilen zum Beispiel. Und wegen vieler anderer Ansichten, von denen diese Menschen, die jetzt so pauschal urteilen, gar nichts wissen und die ich nicht aufzähle, weil keiner meiner Freunde diesen Menschen beweisen muss, dass er doch ein „ganz guter Kanake“ ist, weil hier Menschen, ihre Integration, ihre Ansichten, Geschichten und (religiösen) Wertvorstellungen allein anhand eines Musikvideos beurteilt werden, das etwas mehr als drei Minuten dauert. Gerade ein Blogger, dessen Sohn selbst rappt und seine politischen Ansichten nicht teilt, sollte wissen, dass man Freunde und Familie auch dann unterstützt, wenn man nicht in allem einer Meinung ist. 

Was sich hier zeigt, ist eine Dimension von Ignoranz, Intoleranz und schlicht Rassismus, wie ich sie noch nie zuvor persönlich erlebt habe und die den Pfad der sachlichen Kritik schon lange verlassen hat und nur noch darauf abzielt, mich und meine Freunde rassistisch und zutiefst frauenfeindlich zu beschimpfen. Auf sachliche Kritik bin ich in diesem Fall stets eingegangen, habe mich in einem Zwei-Stunden-Livestream Fragen und Kritik gestellt. Jetzt geht es nur noch darum, jedem eine Plattform zu bieten, der mich immer schon aus irgendwelchen Gründen scheiße fand und sich darüber Aufmerksamkeit und Reichweite in Zeiten zu verschaffen, in denen es außer Corona nicht viel in den Medien zu lesen gibt, was man auf der eigenen Seite inhaltlich aufarbeiten könnte. 

Letztlich resultiert all das aus einer Erwartungshaltung gegenüber meiner Person und meiner Rolle in einer „Gemeinschaft“, der ich nur in der Phantasie dieser Leute angehörte. Es ist die unerwiderte Liebe meinerseits, die das rechte Spektrum nur deshalb wie ein Schlag trifft, weil es vorher alles ausgeblendet zu haben scheint, was ebenfalls gegen eine Zugehörigkeit zu ihnen sprach. Dass ich immer Liberale war und nie einem Kollektiv angehörte. Das Bild von mir zwischen männlichen „Schwarzköpfen“ triggert das kleine Rassistenherz, das doch der Ansicht ist, dass deutsches Blut zu deutschem Blut gehört, in einem Maße, dass man es sich kaum vorstellen mag. Wenn man die Kommentare u.a. auf Youtube unter dem Video meines Freundes oder bei den männlichen Youtubern selbst liest, bekommt man jedoch einen Einblick in die Phantasie junger und alter „Patrioten“, die davon ausgehen, dass ich mich nach dem Videodreh – so verbalisieren sie das ungeniert – mal so richtig von meinen Freunden hab durchnehmen lassen. Das Postergirl hat ausgedient. Aus Liebe wird Hass. Im Grunde ist das gut. Weil so eine Grenze gezogen wird, wie ich sie besser nicht hätte ziehen können.

All diese Anfeindungen resultieren aus der Annahme, dass es so etwas wie eine „Gemeinschaft“, eine „Bewegung“ mit gemeinsamen Zielen und einem daraus resultierenden gemeinsamen Kampf gäbe, dem ich mich einst angeschlossen und den ich nun als „Abtrünnige“ verlassen hätte. 

Es ist diese Vorstellung, mit der besagte YouTuber und Blogger gezielt arbeiten, die sie mit ihrer Rhetorik nähren und die sie damit gewinnbringend bei ihrer Community, die sich dessen vermutlich oftmals gar nicht bewusst ist, gegen mich einsetzen und dadurch Leute mobilisieren. Eine Rhetorik, wie ich sie in den letzten Jahren immer wieder im Kontext von Disputen mit anderen Publizisten und Bloggern gehört habe. 

Immer wieder ist da die Rede von „unserer Sache“. Von einer eigentlichen „Mitkämpferin“. Immer wieder taucht das Wort „wir“ auf. Benutzt von Menschen, mit denen ich in überhaupt keinem Kontakt stehe. Deren Videos ich mir bis vor einigen Tagen noch nie angeschaut habe. Bei den Lesern wirkt es. Man wird darauf hingewiesen, dass man doch im Sinne der „gemeinsamen Sache“ handeln sollte. Daraus leitet sich Zugleich der Anspruch ab, man sei doch diesen Leuten, die einen seit Tagen für eigene Klicks und Reichweite an den Pranger stellen, irgendeine Rechtfertigung schuldig. Man solle doch einen Livestream machen oder sich an einen Tisch setzen und diskutieren. Man sei auch gewillt, wie es einer von ihnen formulierte, mich wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, wenn man sich denn für seine Abtrünnigkeit entschuldigen würde. Bei so viel narzisstischem Größenwahn und totalitären Phantasien fällt es kaum schwer, diesen Leuten ein gepflegtes: „Danke, aber nein danke. Eher faulen mir beide Arme ab, als dass ich euch die Hand reiche.“ zuzuwerfen. 

Zumal die eigene „Abtrünnigkeit“ zu extremen Anfeindungen führt, die jene Rädelsführer zwar nicht selbst kommunizieren, die sie mit ihren Videos und Postings jedoch wohlwissend befeuern und derer sie auch in keiner Weise Einhalt gebieten wollen. Alles wird unter dem Begriff „gerechtfertigte Kritik“ verbucht, die ich mir selbst für meinen Verrat zuzuschreiben hätte. Auch solch gehaltvolle Äußerungen wie „Die Schlampe“ oder „Erst noch eine Line Koks durch den Pferdezinken und dann rollt das Schwanzkarussell“, gelten hier als sachliche Kritik und werden nicht entfernt. 

Wer angibt, dass er beleidigende und rassistische Kommentare von Lesern gegen andere Personen auf seiner Seite nicht löscht und grotesker Weise dabei auch noch auf die Würde des Menschen verweist, der tut dies weder im Namen der Menschenwürde, die im Persönlichkeitsrecht verankert ist, noch im Einsatz für die Meinungsfreiheit, denn diese findet ihre Schranken in Art. 5 Abs. 2 GG. Der tut dies deshalb, weil er es sich mit dem rechten Rand seiner Leser nicht verscherzen will, der mittlerweile gegen jeden schießt, der dem eigenen Wüten Einhalt gebietet. 

„Mach dir nicht mehr Feinde, als du auf einmal bekämpfen kannst.“, sagte mir mein erster Chef, Roland Tichy, einmal. Diesem Rat konnte und kann ich nicht Folge leisten: Für mich gab es immer klare Grenzen, Dinge, die ich auf meiner Seite nicht geduldet und auf die ich hingewiesen habe. Wer sich beleidigend oder rassistisch äußerte, flog. Das war schon immer so. Dementsprechend ist es nicht überraschend, dass sich in den Kommentarspalten derer, die mich nun angreifen, etliche wiederfinden, die sich schon vor einiger Zeit von mir in ihrer „Meinungsfreiheit“ beschnitten fühlten. 

Es existiert eine klare Freund-Feind-Logik. Inklusion und Zuordnung zu einer Gemeinschaft mit gleichen Werten und Zielen und Exklusion und Verachtung für all jene, die von der vermeintlich gemeinsamen Linie abweichen. Zwischentöne werden nicht mehr zugelassen. Es ist die gleiche totalitäre Manier, mit der einige Protagonisten des linken Spektrums bis heute versuchen, die Politik der offenen Grenzen und bedingungslose Toleranz gegenüber den Auswüchsen des strengen Islams durchzudrücken.

Ein junger aufgeweckter, treuer Leser und ebenfalls Liberaler erzählte mir neulich, dass dies der Grund sei, wieso er sich keiner Partei mehr zuordnen würde. Zu oft hätte er sich dabei ertappt, wie er gewisse Dinge anders sieht, sich aber nicht getraut hätte, dies zu kommunizieren, weil er wusste, dass es gegen die Linie der Partei ging, die er unterstützte. Erst mit der Lossagung von allen Parteien sei man wirklich frei in seiner Haltung und seinen Äußerungen. 

Exakt so verhält es sich mit Bewegungen, die man auf seinen Social-Media-Plattformen selbst anführt. Man wird zum Sklaven seiner eigenen Linie, die man nach außen vertritt und des geschlossenen Weltbildes, das man seine Leser selbst gelehrt hat. Plötzlich findet man sich in einer Situation der Unfreiheit wieder, die man selbst nie intendiert hat. Oder könnte jemand regelmäßig kritisch gegen die AfD schreiben, der im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Stiftung sitzt? Wie viel Mut erfordert es, sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen, die eigene Linie zu verlassen, wenn man von seiner eigenen Reichweite und der Zustimmung der Leser finanziellen Nutzen zieht? Man kann ja glauben, dass diese Leute im Gegensatz zu anderen Medienschaffenden freier und unabhängiger sind. Aber ihre wachsende Leserschaft, die sie deshalb abonniert, macht sie viel unmittelbarer von der Linie der Mehrheit ihrer Leser abhängig als jene Journalisten und Blogger, die einer Redaktion unterstellt sind. Wahre Freiheit genießt nur der, der finanziell ausgesorgt hat, der gegen jede persönliche Eitelkeit immun ist (nur: wer ist das schon?) oder aus einer intrinsischen Motivation heraus die Überzeugung über die eigene Existenzsicherung stellt. Keinen dieser Punkte erkenne ich bei den erwähnten Bloggern und Youtubern.

Oftmals fehlt auch mir die Lust darauf, gewisse erwartbare Kämpfe (z.B. wenn man die AfD kritisiert) immer und immer wieder auszufechten. Ich weiß, weil ich aus eigener Erfahrung spreche, wie groß die Verlockungen des Applauses sind. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, Zustimmung würde mir bisweilen nicht auch gut tun. Sie sind aber nichts gegen die Verletzungen, die man durch Beleidigungen und Diffamationen erfährt. Nur ein kleiner Trost ist die Zustimmung einer Handvoll Liberaler und Konservativer aus der Mitte, die sich, wie man selbst, verzweifelt an die Hoffnung klammern, dass sich der Diskussionsstau, die verhärteten Fronten und die daraus resultierende Spaltung doch noch irgendwie auflösen lässt. 

Das Bad in der Menge der eigenen Leser, Preise, Likes und Komplimente machen gewiss süchtig. Der Trugschluss, männliche Blogger, Journalisten und Publizisten könnten davon nicht befallen sein, weil sie sich anders als ich nicht schminken und zurechtmachen, sollte spätestens seit Claas Relotius ad acta gelegt sein. So gibt es Blogger, die zu ungeahnten Dingen fähig sind, die einzig dem Zweck dienen, Zustimmung zu erhalten und ihm ermöglichen, vielleicht im selben Abwasch auch noch die weibliche vermeintliche „Mitstreiterin“ zu diskreditieren, deren Erfolg ohnehin schon lange am eigenen Ego kratzt.

In den Jahren 2016 bis Mitte 2017, einer Zeit, aus der auch das wüst zusammengeschnittene Video von mir, in dem ich mich zum islamischen Weltbild im Rap äußere, stammt, habe ich mich zum Teil ebenfalls von dieser Sucht leiten lassen. Zwar war ich auch damals schon zu sehr Dickkopf, um mich nicht auch in dieser Zeit hier und da schon ordentlich unbeliebt gemacht zu haben, aber aus der Retrospektive würde ich heute beurteilen, dass ich nicht nur einmal rhetorisch und inhaltlich undifferenziert über die Strenge geschlagen habe, weil ich mich am Applaus derer, die sich heute von mir abwenden und anderen zujubeln, erfreut habe. Es ist eine Selbstradikalisierung, die auch andere schon befallen hat und die in der Regel lange Zeit unbemerkt bleibt. Sie zu erkennen und einzugestehen, erfordert Selbstreflexion, die Fähigkeit, Fehler einzugestehen und die Vorwürfe derer, die diese Einsicht und Abkehr von allzu radikalen Äußerungen nicht mitgehen wollen, auszuhalten. 

Meine Grundüberzeugungen, an deren Maßstab ich mich in meinen Analysen orientiere, haben sich, auch wenn mir das von manch einem unterstellt wird, in den fünf Jahren, in denen ich öffentlich publiziere, jedoch nie geändert. Lediglich das Maß der Differenzierung und Mühe, mich auch unbeliebten Themen zuzuwenden, hat variiert und sich zum Besseren verändert. Und das empfinde ich, die sonst stets am eigenen Anspruch zu zerbrechen droht, als äußerst zufriedenstellend. Weil ich in diesen kleinen Veränderungen, Abweichungen und im Eingeständnis von Fehlern eine Weiterentwicklung meiner Person und Sichtweisen sehe. Weil ich nichts mehr hasse als intellektuellen Stillstand. 

Das heißt weder, dass ich plötzlich links bin, noch dass ich jemals rechts oder tatsächlich rassistisch war. Ich bin, war und bleibe Liberale. Kritikerin der Asylpolitik der Kanzlerin, Kritikerin des religiösen Extremismus, von gescheiterter Integration, Sozialismus, Verfechterin der liberalen pluralistischen Gesellschaft, des Kapitalismus und der Überzeugung, dass die Werte der Aufklärung gegen jene, die sie abschaffen wollen, egal ob aus dem religiösen, links- oder rechtsextremistischen Lager, verteidigt werden müssen. Ich stehe in der Mitte. Von mir aus einsamer als zuvor. Dafür aufrecht. Wer das als Heuchelei ansieht oder mich einen Wendehals nennt, hat nichts verstanden oder stets nur das gelesen, was er lesen wollte. 

So lautete ein Vorwurf: „Wer für alles steht, steht am Ende für nichts.“ 

Aber ich stehe für etwas:  Für den Liberalismus, der für viele wenig greifbar erscheint, weil er nicht als kollektive Bewegung für ein gemeinsames Ziel daherkommt, sondern als Plädoyer für das Individuum und Toleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen. Weil ihm diese Toleranz als Beliebigkeit ausgelegt wird und nicht als Kampf gegen eine totalitäre einzige Vorstellung von „Wahrheit“. Weil viele seiner Vertreter verlernt haben, ihn proaktiv zu verteidigen, weil sie der Einsamkeit des Individuums gegenüber der vermeintlichen Stärke der autoritären Gemeinschaft nicht standhalten konnten. Diese schönste und bis dato erfolgreichste Formel für Frieden und Freiheit innerhalb einer Gesellschaft verteidige ich und das ist alles andere als nichts.