Rock am Ring – Lieberberg und der absolute Kontrollverlust des Staates

„Rock am Ring“ läuft erst wenige Stunden als es wegen Terrorgefahr unterbrochen wird. Es mag der Ironie des Schicksals geschuldet sein, dass es ausgerechnet den Auftritt der Broilers trifft – jene Band, die der Oi!- und Punkrockszene entstammt und sich gerne und energisch am „Kampf gegen Rechts“ beteiligt bzw. gegen alles, was man im ultralinken Spektrum als rechts einstuft. Für Sänger Ohnehin ist ein Land für Sänger Sammy Amara nur „Boden, der mit Grenzen umzäunt und benannt wurde“ und wenn Flüchtlinge sich nicht integrieren, dann solle man ihnen einfach einen Deutschkurs geben. Ja, die Welt könnte so einfach sein.

Dass sie es nicht ist und dass wir vor immer größeren Problemen angesichts eines vollkommenen staatlichen Kontrollverlusts stehen, offenbarte der gestrige Abbruch des Kult-Festivals. Ein Veranstaltungsabbruch, wie es ihn in der Größenordnung in Deutschland noch nicht gab. Ein Abbruch, der deutlich macht, dass uns die Terrorgefahr über den Kopf wächst. Dass wir zwar sagen können, dass wir uns vom Terrorismus unsere Freiheit, unseren Lebensstil nicht nehmen lassen, es de facto aber längst passiert.

Dass die Menschen deutlich zwischen Wunsch und Realität in dieser Frage unterscheiden können, zeigt sich anhand der Reaktionen auf das noch gestern Abend veröffentlichte Video der Pressekonferenz von Rock-am-Ring-Chef Marek Lieberberg. Es müsse endlich Schluss sein mit „This is not my Islam and this is not my shit“ hört man Lieberberg da sagen. Der Veranstalter ist wütend. Sieht die Unterbrechung als nicht gerechtfertigt an. „Wir zahlen den Preis für den Skandal um Amri.“ ergänzt er in Anspielung auf die Versäumnisse vor dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im vergangenen Dezember. Das Signal, was Deutschland heute sende, sei „katastrophal“. „Ist das das Ergebnis unserer wehrhaften Demokratie?“

Die anwesenden Journalisten klatschen. Begreifen, was er sagt, tun sie offensichtlich trotzdem nicht so richtig. Schnell heißt es bei BILD: „Rock am Ring-Veranstalter rastet aus.“ Als hätte jemand einen irrationalen cholerischen Anfall bekommen. Bei der Huffington Post ist man unterdessen schon am selben Abend darum bemüht festzustellen, was man immer feststellt: Dass all das eben nichts mit dem Islam zu tun hätte und Lieberberg falsch läge. Es ist das gleiche Reaktionsschema, wie man es seit Silvester 2015/16 in weiten Teilen der deutschen Presse vorfindet. Hauptsache, man spielt den „Rechtspopulisten“ nicht in die Hände, und wenn man dafür Relativieren muss, bis sich die Balken biegen und kurzerhand derjenige zum Bösen erklärt wird, der einfach nur ausspricht, was Phase ist – was so viele Deutsche mittlerweile denken.

Und doch scheint sich etwas zu ändern. Denn bis dato steht man bei der Huffington Post mit diesen Aussagen ziemlich allein auf weiter Flur. Kommentare gibt es bis jetzt nur eine Handvoll. Es scheint fast so, als gingen den deutschen Journalisten und Publizisten langsam die Phrasen und vielleicht auch die Lust aus, um weiterhin zu beschönigen, was sich eigentlich nicht mehr zu beschönigen lässt. Ja, vereinzelt hört man sie noch – die Pressestimmen, die darauf verweisen, wie schön und geordnet die Räumung des Geländes ablief. Die uns mit so nützlichen Informationen versorgen, wie jener, dass Festival-Besucher „You’ll never walk alone“ oder Geier Sturzflugs „Die Pure Lust am Leben“ gesungen hätten. Aber die „Wir stellen uns gegen den Terror-Euphorie“, ist irgendwie vorbei und die Leute genervt, wenn man versucht, sie künstlich aufrecht zu erhalten.

Und so waren es verdächtig wenige Menschen in den sozialen Medien am gestrigen Abend, die Marek Lieberberg wiedersprachen und das obwohl allein das Live-Video des Rock am Ring-Blogs zur Pressekonferenz mittlerweile fast 900 000 Views hat und knapp 16 000 Mal geteilt wurde. Finden sich doch normalerweise an solchen „Hotspots der rechten Hetze“ schnell jene ein, die es als ihre persönliche moralische Pflicht ansehen, gegenzuhalten. Aber diejenigen, die sagen, es handele sich hierbei um „Islam-Hetze“, um AfD-Sprech (und überhaupt: „Was hat das alles mit Angela Merkel zu tun?“), trifft man nur vereinzelt an. Die große Mehrheit stellt sich hinter Lieberberg und man merkt: Es hat sich etwas geändert. Es muss nur einmal jemand in der Öffentlichkeit „die Eier haben“, auszusprechen, was sie alle denken: Dass der Kaiser nackt ist. Die sonst so schweigsame Mehrheit – das hat sich an dieser Stelle bewahrheitet – ist nicht Pro-Refugee und Pro-Islam. Sie ist Pro-Freiheit und dafür, dass man Wahrheiten ausspricht, auch wenn sie schmerzhaft sind.

Das hat Lieberberg am gestrigen Abend getan. Entsprechend feiern in die Leute nun dafür. Es zeigt, dass vielleicht nicht jeder gleich zu Anfang der Krise kritisch war, aber dass immer mehr kritisch werden. Dass, je näher und je öfter die Einschläge kommen, die Beruhigungspillen von Politik Medien allmählich ihre Wirkung verlieren. Es zeigt darüber hinaus, wie still es dort plötzlich wird, wenn man merkt, dass die immer gleichen Phrasen nicht mehr funktionieren. Dass wir an einen Punkt kommen, an dem eine Mehrheit der Menschen wirkliche Antworten darüber verlangt, wie es künftig in diesem Land weitergehen soll.

Wenn der Abbruch von Rock am Ring am gestrigen Abend eines gezeigt hat, dann, dass der absolute Kontrollverlust über die Sicherheit in diesem Land erreicht ist. Dieser Tatsache gilt es sich nun auch journalistisch zu stellen. Endlich.